{"id":458,"date":"2022-01-17T10:43:14","date_gmt":"2022-01-17T10:43:14","guid":{"rendered":"https:\/\/medon2.pharmazieonline.cyon.site\/?p=458"},"modified":"2022-01-17T10:43:16","modified_gmt":"2022-01-17T10:43:16","slug":"hygiene-bei-tbc-fakten-und-mythen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/testmedon2.pharmazieonline.cyon.site\/fr\/blog\/2022\/01\/17\/hygiene-bei-tbc-fakten-und-mythen\/","title":{"rendered":"Hygiene bei Tbc \u2013 Fakten und Mythen"},"content":{"rendered":"\n<p>Tuberkulose tritt in der Schweiz, \u00d6sterreich und Deutschland zunehmend seltener auf. So wurden beispielsweise 2019 in Deutschland lediglich 4791 Tuberkulose-F\u00e4lle gemeldet, was einer Inzidenz von 5,8 Neuerkrankungen pro 100\u2019000 Einwohnern entspricht. Nach einer deutlichen Zunahme im Jahre 2015 im Rahmen der Fl\u00fcchtlingswelle waren die Zahlen erstmals 2017 wieder r\u00fcckl\u00e4ufig und stagnierten 2018. Das Jahr 2020 zeigt zwar einen weiteren R\u00fcckgang, ist allerdings durch eine Unterdiagnostik und die im Rahmen der Corona-Pandemie verbreiteten Masken ein besonderes Jahr.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Tuberkulose tritt in der Schweiz, \u00d6sterreich und Deutschland zunehmend seltener auf. So wurden beispielsweise 2019 in Deutschland lediglich 4791&nbsp;Tuberkulose-F\u00e4lle gemeldet, was einer Inzidenz von 5,8&nbsp;Neuerkrankungen pro 100\u2019000&nbsp;Einwohnern entspricht. Nach einer deutlichen Zunahme im Jahre 2015 im Rahmen der Fl\u00fcchtlingswelle waren die Zahlen erstmals 2017 wieder r\u00fcckl\u00e4ufig und stagnierten 2018. Im Jahre 2019 ist eine deutliche Abnahme zu beobachten. Das Jahr 2020 zeigt zwar einen weiteren R\u00fcckgang, ist allerdings zum einen durch eine Unterdiagnostik, zum anderen durch die im Rahmen der Corona-Pandemie eingeleiteten Distanzierungen und verbreiteten Masken ein besonderes Jahr [1,2].<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00e4nzlich anders stellt sich die Situation weltweit dar: Nach Sch\u00e4tzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkrankten 2018 weltweit ca. 10&nbsp;Millionen Menschen an Tuberkulose und 1,5&nbsp;Millionen verstarben daran. Die Tuberkulose ist damit eine der zehn h\u00e4ufigsten Todesursachen weltweit. Die am h\u00e4ufigsten betroffenen L\u00e4nder sind Indien, Indonesien, China, Philippinen, Bangladesch, Nigeria, Pakistan und S\u00fcdafrika, in denen zwei Drittel der weltweiten Tuberkulosef\u00e4lle leben [1]. Dies hat auch Einfluss auf Deutschland, \u00d6sterreich und die Schweiz. So hat in den letzten Jahren in Deutschland der Anteil der im Ausland geborenen Tuberkulosekranken auf 72% in 2019 zugenommen [3].<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Tuberkulose in der Schweiz, Deutschland und \u00d6sterreich immer seltener wird, verliert sich in der \u00c4rzteschaft das Wissen um die Erkrankung und die Hygienemassnahmen. Anders war dies noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts. So beschreibt Thomas Mann in seinem Roman \u00abDer Zauberberg\u00bb, der im schweizerischen Davos spielt, die verschiedenen Facetten der Tuberkuloseerkrankung, aber auch die hygienischen Massnahmen [4]. So wurde bei jeder Entlassung, die nicht selten erst nach dem Tod erfolgte, eine gr\u00fcndliche Desinfektion des Patientenzimmers durchgef\u00fchrt, die wir heute als \u00abSchlussdesinfektion\u00bb bezeichnen w\u00fcrden. Interessant an diesem im Jahre 1924 erschienenen Roman ist, dass keinerlei Isolierung der Tb-Kranken beschrieben wird und auch keinerlei Massnahmen gegen eine aerogene \u00dcbertragung. Es finden sich weder Darstellungen von Abstandsregeln noch, dass Masken oder \u00e4hnliches getragen wurden. Dieses ist umso erstaunlicher, als dass Robert Koch bereits 1892 das&nbsp;<em>Mycobacterium tuberculosis<\/em>&nbsp;als Erreger der Tuberkulose publiziert hatte. Es zeigt aber exemplarisch, wie sehr der Fokus auf der \u00dcbertragung von unbelebten Oberfl\u00e4chen bei Infektionskrankheiten liegt und weniger auf der \u00dcbertragung von Mensch zu Mensch. Diese bei Infektionserkrankungen verbreitete Denkweise war auch zu Beginn der Corona-Pandemie sehr popul\u00e4r und f\u00fchrte zu exzessiven Desinfektionsmassnahmen bis hin zur Desinfektion von Schreibutensilien.<\/p>\n\n\n\n<p>Ziel dieses Artikels ist, auf Basis der aktuellen internationalen Empfehlungen die notwendigen Hygienemassnahmen bei Tuberkulose zu beschreiben und nicht notwendige Massnahmen zu benennen.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"pravention-in-medizinischen-einrichtungen\">Pr\u00e4vention in medizinischen Einrichtungen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6sste Infektionsgefahr geht von nicht erkannten und\/oder nicht behandelten Tuberkulosef\u00e4llen aus. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen unterliegen dabei einem erh\u00f6hten \u00dcbertragungsrisiko [5\u20137]. Mit Beginn der Behandlung sinkt die Ansteckungsf\u00e4higkeit rasch. Mit Erkennen eines Tuberkulosefalls k\u00f6nnen die unten beschriebenen Schutzmassnahmen ergriffen und das Infektionsrisiko stark reduziert werden. Aus diesem Grunde sollten die Massnahmen bereits bei unklaren F\u00e4llen bzw. bei Verdachtsf\u00e4llen auf Tuberkulose Anwendung finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig f\u00fcr die Umsetzung der Hygienemassnahmen ist die Kooperation des Patienten. Daher sollte auf die individuelle Aufkl\u00e4rung besonderer Wert gelegt werden. Der Patient sollte im Kontakt mit weiteren Personen immer einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Durch diesen wird effektiv die Bildung des Aerosols als infekti\u00f6ses Agenz verhindert. Dar\u00fcber hinaus ist eine sogenannte \u00abHustenetikette\u00bb einzuhalten. Das heisst der Patient wird angehalten, niemanden direkt anzuhusten und Mund und Nase ggf. zus\u00e4tzlich beim Husten durch ein Papiertuch zu \u00fcberdecken und ggf.&nbsp;ausgehustetes, erregerhaltiges Material in bereitgestellte Abfallbeh\u00e4lter zu entsorgen und sich anschliessend die H\u00e4nde zu desinfizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Tuberkulose gilt als nicht hochinfekti\u00f6se Erkrankung und wird fast ausschliesslich aerogen \u00fcber die Inhalation kleinster Tr\u00f6pfchenkerne (Aerosole &lt;5&nbsp;\u00b5m<sup>3<\/sup>) \u00fcbertragen. Die Infektion erfolgt in der Regel aerogen, \u00fcber kleinste erregerhaltige Tr\u00f6pfchen des Bronchialsekrets, die vom Erkrankten beim Husten, Niesen, Sprechen oder Singen freigesetzt und von Kontaktpersonen inhaliert werden. Gr\u00f6ssere Tr\u00f6pfchenkerne sedimentieren dagegen rascher und k\u00f6nnen von der Selbstreinigung der Atemwege eliminiert werden. Ihre Ansteckungsf\u00e4higkeit ist daher eher gering [7]. Auf unbelebten Fl\u00e4chen k\u00f6nnte experimentell ein \u00dcberleben von Mycobacterium tuberculosis bis zu 4&nbsp;Monaten nachgewiesen werden [8], dies ist aber eine theoretische Annahme, da die sedimentierten und im Sputum eingetrockneten Erreger kaum relevant aerogen in die Lunge gelangen k\u00f6nnen [8,9]. F\u00fcr die Praxis bedeutet dies, dass nur Patienten mit einer Lungentuberkulose, die nennenswerte Erregermengen \u00fcber das Bronchialsekret aushusten, als ansteckungsf\u00e4hig gelten. Der Nachweis wird hierbei \u00fcber Sputum oder Bronchialsekret und den mikroskopischen Direktnachweis, die PCR oder den kulturellen Nachweis gef\u00fchrt. Die Kommission f\u00fcr Krankenhaushygiene und Infektionspr\u00e4vention beim Robert-Koch-Institut (KRINKO) stuft daher folgerichtig nur eine ansteckungsf\u00e4hige, landl\u00e4ufig auch \u00aboffen\u00bb genannte Lungentuberkulose als infekti\u00f6s ein. Eine extrapulmonale Tuberkulose kann theoretisch beispielsweise \u00fcber den Urin oder Eiter weiterverbreitet werden. Dies kommt aber in der Praxis sehr selten vor, die&nbsp;<em>Extrapulmonale Tuberkulose<\/em>&nbsp;wird daher als nicht ansteckungsf\u00e4hige oder \u00abgeschlossene\u00bb Tuberkulose eingestuft [9]. Die folgenden Hygieneempfehlungen gelten somit f\u00fcr eine&nbsp;<em>ansteckungsf\u00e4hige Lungentuberkulose<\/em>&nbsp;bzw. im Rahmen der Fl\u00e4chendesinfektion auch f\u00fcr extrapulmonale Tuberkulosen, bei denen eine Streuung von Erregern zu bef\u00fcrchten ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"infektionsrisiko\">Infektionsrisiko<\/h2>\n\n\n\n<p>Mit Beginn einer antituberkul\u00f6sen Therapie sinkt die Erregerausscheidung und damit auch das Infektionsrisiko rasch. Sp\u00e4testen 3 Wochen nach einer effektiven antituberkulotischen Therapie ist von keiner Infektiosit\u00e4t des Patienten mehr auszugehen. Das Ansprechen der Therapie kann dabei gut am radiologischen Verlauf und Besserung des klinischen Bildes, z.B. einer Gewichtszunahme des Patienten, abgelesen werden [9]. In den Guidelines der WHO [10,11], der amerikanischen CDC [12,13], des deutschen Zentralkomitees zur Bek\u00e4mpfung der Tuberkulose [7] und der britischen NICE [14] besteht Konsens, dass medizinisches Personal und Kontaktpersonen zu ansteckungsf\u00e4higer Tuberkulose eine Atemschutzmaske tragen sollen. \u00dcbereinstimmend werden hier FFP2 bzw. N95 empfohlen. Beide Maskentypen sind durch die aktuelle Corona-Pandemie gut bekannt und m\u00fcssen hier nicht erl\u00e4utert werden. Die britischen Empfehlungen geben dar\u00fcber hinaus f\u00fcr Aerosol-generierende Prozesse, wie die Bronchoskopie, die Empfehlung f\u00fcr FFP3-Masken, w\u00e4hrend f\u00fcr multiresistente Tuberkulosen, kurz MDR-Tbc, alle Empfehlungen \u00fcbereinstimmend eine FFP3-Maske fordern. Diese Empfehlung ist insofern bemerkenswert, da die \u00dcbertragbarkeit von Mycobacterium tuberculosis nicht von seiner Medikamenten-Resistenz abh\u00e4ngig ist, somit m\u00fcssten die Schutzmassnahmen unabh\u00e4ngig von der Resistenzlage eigentlich identisch sein. Tats\u00e4chlich werden hier die Schutzmassnahmen aber von der Schwere der Folgeerkrankung und der mangelnden Therapierbarkeit einer multiresistenten Tuberkulose abh\u00e4ngig gemacht und der hygienische Schutzanspruch maximiert. Neben der Filterklasse der Masken ist aber wesentlich entscheidend, dass das Personal in dem Umgang mit der Maske ge\u00fcbt ist und dabei das hygienische Auf- und Absetzen beherrscht. Wesentlich ist auch der korrekte Dichtsitz der Maske. W\u00e4hrend der Corona-Pandemie beobachtet man gelegentlich Tr\u00e4ger(innen), die aufgrund ihrer schmalen Gesichtsform einen hohen Leckagestrom haben, das heisst neben der Maske wird ungefilterte Luft inhaliert. Die Masken sind damit im Wesentlichen wirkungslos. Ein gutsitzender Mund-Nasen-Schutz w\u00e4re in diesen F\u00e4llen die bessere Wahl. Dass FFP-Masken generell besser als ein Mund-Nasen-Schutz sind, geh\u00f6rt damit zu den hygienischen Mythen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Tuberkulosepatienten sprechen sich alle internationalen Empfehlungen f\u00fcr das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes aus, da durch diese Massnahme die bereits oben angesprochene Bildung eines Aerosols und die r\u00e4umliche Verbreitung effektiv verhindert wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"raumlufttechnik\">Raumlufttechnik<\/h2>\n\n\n\n<p>Aktuell hat die Frage der L\u00fcftung von R\u00e4umen bzw. der Installation einer Raumlufttechnik wieder eine neue Dynamik entwickelt. Alle oben genannten internationalen Empfehlungen enthalten f\u00fcr Patienten mit einer Lungentuberkulose, in deren Sputum bereits im mikroskopischen Pr\u00e4parat Bakterien nachzuweisen sind, sogenannte \u00abSputum-positive Patienten\u00bb, die Pr\u00e4misse einer Raumlufttechnik mit Unterdruck, soweit sie verf\u00fcgbar ist. Die wenigsten Kliniken und medizinischen Einrichtungen, in denen ansteckungsf\u00e4hige Tuberkulosepatienten behandelt werden, d\u00fcrften \u00fcber eine derartige Technik verf\u00fcgen. Daher wird beispielsweise in Deutschland f\u00fcr die Behandlung auch einer multiresistenten Tuberkulose keine raumlufttechnische Anlage (RLTA) vorausgesetzt [9]. Wenn allerdings eine Raumlufttechnik vorhanden ist, muss diese mit negativem Druck gefahren werden, das heisst das Patientenzimmer muss gegen\u00fcber der Umgebung im relativen Unterdruck sein, um ein Abstr\u00f6men der Luft in die Nachbarr\u00e4ume zu verhindern. Eine Schleuse wird im \u00dcbrigen in keiner Empfehlung explizit gefordert. Sollte eine Raumlufttechnische Anlage genutzt werden, ist die Luft verst\u00e4ndlicherweise direkt nach Aussen zu bef\u00f6rdern oder \u00fcber eine effektive Filterung zur\u00fcck in das Patientenzimmer. Der wesentliche Effekt einer Raumlufttechnischen Anlage liegt neben der Filterung in einem gesicherten regelm\u00e4ssigen Austausch der Luft. Daher wird bei Fensterl\u00fcftung sowohl von der WHO als auch vom DZK eine Luftwechselrate von mindestens 2-fach pro Stunde genannt. Die Fensterl\u00fcftung erfolgt idealerweise \u00fcber gegen\u00fcberliegende Fenster, soweit vorhanden. In einer kanadischen Studie konnte gezeigt werden, dass bei einer Luftaustauschrate von weniger als 2-fach pro Stunde das Risiko einer Tuberkulin-Konversion, also einer Infektion des medizinischen Personals, sich verdreifachte [15]. Ein Einhalten dieser Luftaustauschrate ist daher essenziell einzuhalten, wenn keine RLTA vorhanden ist [6].<\/p>\n\n\n\n<p>UV-Bestrahlung wird zunehmend eingesetzt zur Zerst\u00f6rung von Bakterien-DNA.&nbsp; Hierbei wird typischerweise eine Wellenl\u00e4nge von 294 nm genutzt. Die Ger\u00e4te werden entweder direkt in L\u00fcftungskan\u00e4len oder als transportable Einrichtungen zur Schlussdesinfektion von Patientenzimmern verwendet [6]. Die UV-Lichtbestrahlung ist dabei als Erg\u00e4nzung bestehender Massnahmen und nicht als alleinige Massnahme zu verstehen. Es ist allerdings schwierig, den Effekt des UV-Lichtes als Teil eines Massnahmenb\u00fcndels in Studien zu belegen, weshalb bis heute nur eine geringe Evidenz f\u00fcr den Einsatz besteht und UV-Licht noch keinen Eingang in die oben genannten Empfehlungen aus den USA, Grossbritannien und Deutschland gefunden hat. Diel et al. sehen ihren Wert daher als erg\u00e4nzende Interventionsm\u00f6glichkeit, wenn eine ausreichende Bel\u00fcftung schwierig umzusetzen ist [6].<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"flachendesinfektion\">Fl\u00e4chendesinfektion<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie eingangs bereits erw\u00e4hnt, ist die Fl\u00e4chendesinfektion seit mehr als 100 Jahren in die Hygiene bei Tuberkulose eingef\u00fchrt. Trotz dieser grossen Popularit\u00e4t und Verbreitung stuft das DZK eine von kontaminierten Fl\u00e4chen ausgehende aerogen Infektionsgef\u00e4hrdung als sehr gering ein, da sedimentierte Partikel praktisch nicht als lungeng\u00e4ngige Tr\u00f6pfchenkerne erneut in die Luft freigesetzt werden [7]. Aus diesem Grunde wird im Krankenhaus keine besondere Desinfektion des Patientenzimmers eines Tuberkulosekranken w\u00e4hrend des station\u00e4ren Aufenthaltes propagiert [7,9]. Auf der anderen Seite konnte in experimentellen Untersuchungen gezeigt werden, dass Tuberkuloseerreger \u00fcber bis zu 4 Monate auf unbelebten Oberfl\u00e4chen vital bleiben [8]. Sowohl die deutschen Empfehlungen des DZK als auch der KRINKO enthalten \u00fcbereinstimmend eine Desinfektion der Patientenzimmer w\u00e4hrend des Aufenthaltes des Tuberkulosepatienten, die sich nicht von den \u00fcbrigen Patientenzimmern unterscheidet [7,9,12,13]. Hintergrund ist hierbei neben der beschriebenen fehlenden Infektionsgefahr durch bereits sedimentierte Mykobakterien die Tatsache, dass schon nach wenigen Minuten eine signifikante Reduktion der Mykobakterienzahl durch die Standarddesinfektionsmittel erzielt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Funktionsbereiche fehlt es bisher an einheitlichen Empfehlungen. In Analogie zu den Patientenzimmern und zu anderen multiresistenten Erregern, wie MRSA, ist auch hier davon auszugehen, dass eine Desinfektion der patientennahen und ggf. zus\u00e4tzlich verschmutzten Fl\u00e4chen ausreichend ist, um eine Weiterverbreitung der Erreger zu verhindern [6,7]. Anders verh\u00e4lt es sich bei der Entlassung des Patienten, wo man eine vollst\u00e4ndige Beseitigung aller Mykobakterien anstrebt und gleichzeitig nach Entlassung des Patienten die M\u00f6glichkeit hat, l\u00e4ngere Einwirkzeiten und h\u00f6here Konzentrationen im Zimmer ohne Patientengef\u00e4hrdung zu gew\u00e4hrleisten. F\u00fcr diesen Fall wird von DZK, KRINKO und CDC eine gezielte Desinfektion mit Mykobakterien-wirksamen Fl\u00e4chendesinfektionsmitteln empfohlen [7,16\u201318]. Zu beachten ist hierbei die korrekte Einhaltung der Konzentration und der Einwirkzeit der eingesetzten Desinfektionsmittel. Je nach eingesetztem Desinfektionsmittel und gew\u00e4hlter Konzentration kann diese 2 bis 4 Stunden betragen [19]. Eine Raumluftdesinfektion, bei der Fl\u00e4chendesinfektionsmittel in die Raumluft verspr\u00fcht wird, ist nicht erforderlich [7].<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"fur-die-arztpraxis\">F\u00fcr die Arztpraxis<\/h2>\n\n\n\n<p>Wenn beispielsweise in einer Radiologiepraxis im Rahmen der R\u00f6ntgenuntersuchung der Verdacht auf das Vorliegen einer ansteckungsf\u00e4higen Lungentuberkulose gestellt wird, ist eine Wischdesinfektion der Fl\u00e4chen, mit denen der Patient mutmasslich Kontakt hatte, mit einem Fl\u00e4chendesinfektionsmittel durchzuf\u00fchren, das idealerweise Tuberkulose-wirksam ist. Sollte dieses nicht zur Hand sein, sollte in jedem Fall mit dem vorhandenen Fl\u00e4chendesinfektionsmittel gearbeitet werden. Nach Antrocknung kann der Raum wieder genutzt werden. Sollte eine sichtbare Kontamination mit erregerhaltigem Material, z.B. Sputum auf dem Fussboden, auftreten, ist dort allerdings eine gezielte Desinfektion mit einem Mykobakterien-wirksamen Fl\u00e4chendesinfektionsmittel durchzuf\u00fchren [7,16\u2009\u201318].<\/p>\n\n\n\n<p>Bisher gibt es keine Untersuchungen, die einen direkten Zusammenhang einer manifesten Tuberkuloseerkrankung und einer kontaminierten Fl\u00e4che gezeigt hat. Kramer stellte bereits 2006 fest, \u00abdass trotz theoretischer langer \u00dcberlebensf\u00e4higkeit von sedimentierten Erregern diese nicht als relevante Infektionsquelle betrachtet werden k\u00f6nnen\u00bb [8]. F\u00fcr die teilweise zu beobachtende stundenlange Sperrung von R\u00f6ntgen- oder Endoskopie-R\u00e4umen bis zum Ende der Einwirkzeit der Fl\u00e4chendesinfektionsmittel, nach dem sich dort ein Patient mit Lungentuberkulose(-verdacht) aufgehalten hat, gibt es somit keinen sachlichen Grund. Gleiches gilt besonders f\u00fcr Patienten mit extrapulmonaler Tuberkulose, die als nicht ansteckungsf\u00e4hig gelten und bei denen in der Regel es nicht zu einer Aerosolbildung und damit nicht zu einer Ansteckung kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Atemschutzmasken bei ansteckungsf\u00e4higer Lungentuberkulose generell empfohlen werden, ist das Tragen von Schutzkitteln und Einmalhandschuhen differenzierter zu betrachten. Bei Kontakt zu Patienten mit geschlossener Tuberkulose, wenn kein Kontakt mit erregerhaltigem Material, z.B. Wundsekret oder Urin, besteht, kann ebenso auf Einmalhandschuhe und Schutzkittel verzichtet werden, wie auch bei ansteckungsf\u00e4higer Lungentuberkulose, wenn beispielsweise lediglich ein Gespr\u00e4ch mit dem Patienten gef\u00fchrt wird. In diesen F\u00e4llen reicht die sogenannte Basishygiene aus, das heisst es wird eine H\u00e4ndedesinfektion vor und nach Patientenkontakt durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Gefahr einer Kontamination mit erregerhaltigem Material besteht, beispielsweise bei engem Kontakt zum infekti\u00f6sen Patienten, bei Bronchoskopien, endotrachealer Absaugung, Sputuminduktion oder \u00e4hnlichem, sind Schutzhandschuhe und Schutzkittel zu tragen [7,9]. Schutzkittel sind dabei nicht zu verwechseln mit der Berufskleidung wie z.B. dem Arztkittel. Schutzkittel haben die Aufgabe zu verhindern, dass die Arbeitskleidung mit Mikroorganismen kontaminiert wird und dadurch die Besch\u00e4ftigten direkt oder andere Patienten indirekt gef\u00e4hrdet werden. Es handelt sich um lang\u00e4rmelige, mindestens fl\u00fcssigkeitsabweisende Kittel mit R\u00fcckenschluss und Abschlussb\u00fcndchen an den Armen, die entweder desinfizierbar sind oder als Einmalkittel entsorgt werden [9]. Der Schutzkittel wird somit \u00fcber dem Arztkittel oder statt des Arztkittels getragen. Weder das DZK noch die KRINKO empfehlen interessanterweise das Tragen einer Schutzbrille [7,9]. Hier sollte man bei Bronchoskopien und induziertem Sputum allerdings im Zweifel auf die Schutzbrille zur\u00fcckgreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Teil der pers\u00f6nlichen Schutzausr\u00fcstung bei Tuberkulosepatienten ist die Kopfhaube. Sie dient dem Infektionsschutz des Patienten, beispielsweise bei Operationen, hat aber keinen Stellenwert als Schutzausr\u00fcstung f\u00fcr medizinisches Personal im Kontakt mit Tuberkulosepatienten. Eine \u00dcbertragung von Tuberkulose \u00fcber Kopfhaut oder Haare ist in der Fachliteratur nicht zu finden. Gleiches gilt im \u00dcbrigen f\u00fcr eine \u00dcbertragung \u00fcber Schuhwerk, sodass auch auf Schuh\u00fcberzieher unbedingt verzichtet werden sollte. Diese stellen nur eine unn\u00f6tige Unfallgefahr, nicht nur beim Versuch, sie im Stehen anzuziehen, dar.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"zusammenfassung-und-fazit-fur-die-praxis\">Zusammenfassung und Fazit f\u00fcr die Praxis<\/h2>\n\n\n\n<p>Die wichtigste Massnahme, um Ansteckungen durch Tuberkulose zu verhindern, ist die fr\u00fchzeitige Diagnose einer Tuberkulose. Eine Studie aus den 1990er-Jahren aus den Niederlanden zeigte eine durchschnittliche Verz\u00f6gerung zwischen erstmaligem Arztkontakt mit typischer Symptomatik und der Diagnosestellung einer Tuberkulose von im Mittel 2,5&nbsp;Monaten [20]. Diese Zeitdauer d\u00fcrfte sich nach Erfahrungen der Autoren inzwischen eher verl\u00e4ngert haben. Beim Kontakt mit nicht-ansteckungsf\u00e4higer, sogenannter \u00abgeschlossener\u00bb Tuberkulose gen\u00fcgen in der Regel die Massnahmen der Basis- oder Standardhygiene. Bei einer extrapulmonalen Tuberkulose ist in fast allen F\u00e4llen nicht von einer Ansteckungsf\u00e4higkeit auszugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer ansteckungsf\u00e4higen Lungentuberkulose ist das Tragen einer FFP2-Maske durch das medizinische Personal erforderlich, der Patient sollte m\u00f6glichst einen Mund-Nasen-Schutz tragen, um so die Bildung einer Aerosolwolke und die Verbreitung der Aerosole in der Umgebung zu verhindern. Mit dieser Massnahme ist die Infektionsgefahr deutlich minimiert. Erg\u00e4nzend wird noch f\u00fcr Funktionsbereiche wie Endoskopie und Arztpraxen eine Desinfektion der Kontaktfl\u00e4chen des Patienten empfohlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei engem Kontakt zum Patienten oder wenn Kontakt mit infekti\u00f6sem Material zu bef\u00fcrchten ist, sollte das Personal zus\u00e4tzlich einen Schutzkittel und Einmalhandschuhe tragen. F\u00fcr die ambulante Praxis ist neben der Standardhygiene zu empfehlen, Patienten mit Verdacht auf eine ansteckungsf\u00e4hige Tuberkulose, die sich in ambulanter Behandlung oder Diagnostik befinden, zu Beginn oder zum Ende der Sprechstunde einzubestellen, um unn\u00f6tigen Kontakt mit anderen Patienten zu vermeiden. Gut ist, wenn sie sofort in einem Raum separiert werden k\u00f6nnen. Der Patient ist zu einer Hustenetikette und Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes anzuhalten [9].<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht selten kommt es nachtr\u00e4glich zur Diagnose einer Tuberkulose und der Patient hat schon mehrfach beispielsweise wegen einer Gewichtsabnahme oder anhaltendem Husten die Praxis aufgesucht. Wird dann im Rahmen der weiteren Abkl\u00e4rung eine Tuberkulose festgestellt, sind im Nachhinein f\u00fcr die zur\u00fcckliegenden Praxisaufenthalte in aller Regel keine Desinfektionsmassnahmen erforderlich [9]. Gleiches gilt f\u00fcr den h\u00e4uslichen Bereich. Auch dort ist das Infektionsrisiko mit Diagnosestellung und dem Einleiten von Isolierungsmassnahmen beendet. Eine umfangreiche Desinfektion des pers\u00f6nlichen Umfeldes kann unterbleiben. Lediglich wenn immunsupprimierte Personen oder kleine Kinder im Haushalt sind, wird eine Fl\u00e4chendesinfektion mit einem Tuberkulose-wirksamen Mittel angeraten.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"take-home-messages\">Take-Home-Messages<\/h2>\n\n\n\n<ul><li>Die wichtigste Massnahme, um Ansteckungen durch Tuberkulose zu&nbsp;verhindern, ist die fr\u00fchzeitige Diagnose einer Tuberkulose.<\/li><li>Beim Kontakt mit nicht-ansteckungsf\u00e4higer, sogenannter \u00abgeschlossener\u00bb Tuberkulose gen\u00fcgen in der Regel die Massnahmen der Basis- oder Standardhygiene. Bei einer extrapulmonalen Tuberkulose ist in fast allen F\u00e4llen nicht von einer Ansteckungsf\u00e4higkeit auszugehen.<\/li><li>Bei einer ansteckungsf\u00e4higen Lungentuberkulose ist das Tragen einer FFP2-Maske durch das medizinische Personal erforderlich, der Patient sollte m\u00f6glichst einen Mund-Nase-Schutz tragen.<\/li><li>Eine Tb-\u00dcbertragung \u00fcber kontaminierte Oberfl\u00e4chen ist unwahrscheinlich. In der Praxis bedeutet dies, dass eine Wischdesinfektion der Kontakt\u00adfl\u00e4chen ausreicht und der Raum nach Antrocknung sofort wieder genutzt werden kann.<\/li><li>F\u00fcr die ambulante Praxis ist neben der Standardhygiene zu empfehlen, \u00adPatienten mit Verdacht auf eine ansteckungsf\u00e4hige Tuberkulose zu Beginn oder zum Ende der Sprechstunde einzubestellen, um unn\u00f6tigen Kontakt<\/li><li>mit anderen Patienten zu vermeiden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<ol><li>Deutsches Zentralkomitee zur Bek\u00e4mpfung der Tuberkulose:&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.dzk-tuberkulose.de\/\">www.dzk-tuberkulose.de<\/a>.<\/li><li>World Health Organization (WHO). Global TB report 2018. Geneva 2019.<\/li><li>Bericht zur Epidemiologie der Tuberkulose in Deutschland f\u00fcr 2019. Robert-Koch-Institut, Berlin 2020.<\/li><li>Mann Th: Der Zauberberg. S. Fischer Verlag Berlin 1924.<\/li><li>Diel R, Niemann S, Nienhaus A: Risk of tuberculosis transmission among healthcare workers. ERJ Open Res 2018 Apr 9; 4(2): 2.<\/li><li>Diel R, Nienhaus A, Witte P, et al.: Protection of healthcare workers against transmission of Mycobacterium tuberculosis in hospitals: a review of the evidence. ERJ Open Res 2020; 6: 00317-2019; doi: 10.1183\/23120541.00317-2019.<\/li><li>Deutsches Zentralkomitee f\u00fcr Tuberkulose. Infektionspr\u00e4vention bei Tuberkulose \u2013 Empfehlungen des DZK. Pneumologie 2012; 66(05): 269\u2013282.<\/li><li>Kramer A, Schwebke I, Kampf G: How long do nosocomial pathogens persist on inanimate surfaces? A systematic review. BMC Infectious Diseases 2006, 6: 130; doi:10.1186\/1471-2334-6-130<\/li><li>Empfehlung der Kommission f\u00fcr Krankenhaushygiene und Infektionspr\u00e4vention beim Robert Koch-Institut; Infektionspr\u00e4vention im Rahmen der Pflege und Behandlung von Patienten mit \u00fcbertragbaren Erkrankungen, Bundesgesundheitsblatt 2015; 58: 1151\u20131170.<\/li><li>World Health Organization. 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Available at:&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.nice.org.uk\/guidance\/ng33\">www.nice.org.uk\/guidance\/ng33<\/a>. Accessed 25. August 2019.<\/li><li>Menzies D, Fanning A, Yuan L, et al.: Hospital ventilation and risk for tuberculous infection in Canadian healthcare workers. Canadian Collaborative Group in Nosocomial Transmission of TB. Ann Intern Med 2000; 133: 779\u2013789.<\/li><li>Empfehlung der Kommission f\u00fcr Krankenhaushygiene und Infektionspr\u00e4vention beim Robert-Koch-Institut; Anforderungen an die Hygiene bei der Reinigung und Desinfektion von Fl\u00e4chen, Bundesgesundheitsblatt 2004; 47: 51\u201361.<\/li><li>Schulz-St\u00fcbner S: Tuberkulose in Krankenhaushygiene, hygiene\u00adbeauftragter Arzt und ABS-beauftragter Arzt; Springer 2017: 341\u2013346.<\/li><li>CDC Guideline for Disinfection and Sterilization in Healthcare Facilities 2008.<\/li><li>Desinfektionsmittel-Kommission im Verbund f\u00fcr Angewandte Hygiene e.V. (VAH). Desinfektionsmittel-Liste des VAH. Wiesbaden: Mhp-Verlag GmbH 2011.<\/li><li>Geuns van HA, Hellinga HS, Bleiker MA, Styblo K: Surveillance of diagnosis and treatment measures in the Netherlands. TSRU Program Report 1987; 1: 60\u201381.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><em>InFo PNEUMOLOGIE &amp; ALLERGOLOGIE 2021; 3(4): 12\u201316<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tuberkulose tritt in der Schweiz, \u00d6sterreich und Deutschland zunehmend seltener auf. 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