{"id":317,"date":"2022-01-11T20:47:15","date_gmt":"2022-01-11T20:47:15","guid":{"rendered":"https:\/\/medon2.pharmazieonline.cyon.site\/?p=317"},"modified":"2022-01-16T10:31:07","modified_gmt":"2022-01-16T10:31:07","slug":"behandlung-der-apathie-bei-alzheimer-erkrankung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/testmedon2.pharmazieonline.cyon.site\/en\/blog\/2022\/01\/11\/behandlung-der-apathie-bei-alzheimer-erkrankung\/","title":{"rendered":"Behandlung der Apathie bei Alzheimer-Erkrankung"},"content":{"rendered":"\n<p>Bis heute gibt es keine in Europa zugelassene, urs\u00e4chliche Therapie f\u00fcr die Alzheimer-Demenz. Umso bedeutsamer ist die Behandlung begleitender Symptome. Hier steht besonders die relativ h\u00e4ufige Apathie im Fokus, die eine therapeutische Mitarbeit der Betroffenen erschwert und das Mortalit\u00e4tsrisiko sowie die Belastung der Pflegenden deutlich erh\u00f6hen kann. Eine Studie [1] evaluierte nun das Psychostimulans Methylphenidat hinsichtlich der Wirksamkeit auf die Apathie von Alzheimer-Erkrankten und konnte sowohl signifikante, g\u00fcnstige Effekte als auch die Sicherheit des Medikamentes best\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In Deutschland leiden 1,6 Millionen (weltweit 50 Millionen) Menschen an einer Demenz \u2013 in 30 Jahren werden es hochgerechnet bis zu 2,8 Millionen sein [2]. Am h\u00e4ufigsten ist die Alzheimer-Demenz; die Pr\u00e4valenz liegt im Alter zwischen 56 und 70 Jahren bei 1-5%. Diese Zahl verdoppelt sich mit jedem 5-Jahresschritt [3], so dass bis zu 10% der 70-75-J\u00e4hrigen und bis zu 20% der 75-80-J\u00e4hrigen betroffen sind. Die Erkrankung geht mit dem Abbau verschiedener Hirnleistungen einher, insbesondere mit Ged\u00e4chtnisst\u00f6rungen, so dass die Aktivit\u00e4ten des t\u00e4glichen Lebens der Betroffenen im Verlauf immer weiter abnimmt, bis ein selbstst\u00e4ndiges Leben nicht mehr m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel zu einem gro\u00dfen Wissenszuwachs \u00fcber die Pathomechanismen (z. B. Ablagerung von Tau-Protein und beta-Amyloid im Gehirn) gilt es inzwischen als belegt, dass ungef\u00e4hr ein Drittel aller Erkrankungsf\u00e4lle im Zusammenhang mit modifizierbaren Risikofaktoren steht [4, 5]: Neben dem Alter per se sind dies Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, erh\u00f6hte Blutfette (Hyperlipid\u00e4mie), Adipositas, Depressionen, soziale Isolation\/Einsamkeit sowie Bewegungsmangel. Fehlende k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t hat dabei sogar die gr\u00f6\u00dfte Bedeutung, wie eine deutsche Studie aus dem Jahr 2016 [6] zeigte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen einer Alzheimer-Erkrankung kann es auch zu neuropsychiatrischen Symptomen kommen, eines der h\u00e4ufigsten ist eine Apathie. Die Betroffenen weisen einen verminderten Antrieb, Empathie- und Interessenverlust auf, was die Behinderung weiter verst\u00e4rkt und die Belastung der Betreuenden bzw. den Pflegeaufwand (und somit auch die Behandlungskosten) sowie die Mortalit\u00e4t erh\u00f6ht. Einige Behandlungsstudien zeigten bisher keine Wirkung (z.B. [7]).<\/p>\n\n\n\n<p>An der Apathie setzt die Behandlung mit Methylphenidat an, einem Psychostimulans, das sonst zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-\/Hyperaktivit\u00e4tsst\u00f6rung (ADHS) und der Narkolepsie eingesetzt wird. Kleinere Untersuchungen zeigten g\u00fcnstige Effekte auf die Apathie bei Alzheimer-Erkrankten, so dass nun die ADMET-2-Studie (\u201eApathy in Dementia Methylphenidate Trial 2\u201c), eine multizentrische, randomisierte, verblindete, placebokontrollierte Phase-III-Studie die Substanz an einer gr\u00f6\u00dferen Zahl Betroffener evaluiert hat. Von 2016 bis 2020 wurden in einem kanadischen und sieben spezialisierten Demenz-Zentren der USA 307 Alzheimer-Erkrankte gescreent, von denen 200 Personen in die Studie eingeschlossen werden konnten. Die Teilnehmenden hatten milde bis moderate kognitive Beeintr\u00e4chtigungen und zeigten h\u00e4ufige oder schwere Apathie-Zust\u00e4nde (gemessen mit einem speziellen Demenz-Fragebogen, dem NPI\/\u201eNeuropsychiatric Inventory\u201c). 99\/200 Teilnehmende erhielten \u00fcber sechs Monate Methylphenidat (2 x t\u00e4glich 10 mg oral) und 101\/200 Placebo. Das mediane Alter lag bei 76 Jahren (IQR 71-81), 66% waren m\u00e4nnlich. Das Outcome beinhaltete (1) Ver\u00e4nderungen des initialen Apathie-NPI-Scores oder (2) eine Verbesserung des Alzheimer-Scores ADCS-CGIC (\u201eAlzheimer&#8217;s Disease Cooperative Study-Clinical Global Impression of Change\u201d; Werte von 1-7, wobei h\u00f6here Werte schlechter sind). Weitere Endpunkte waren Ver\u00e4nderungen kognitiver F\u00e4higkeiten, Lebensqualit\u00e4t und das Sicherheitsprofil.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ergebnis zeigten sich nach sechs Monaten in der Methylphenidat-Gruppe gegen\u00fcber der Placebo-Gruppe signifikante Verbesserungen des Apathie-Scores (mittlerer NPI-Unterschied -1,25; p=0,002). Am deutlichsten verbesserte Methylphenidat den Score in den ersten 100 Tagen (HR 2,16 f\u00fcr das vollst\u00e4ndige Verschwinden der Apathie-Symptome, p=0,01). Auch der Alzheimer-Score verbesserte sich in der Methylphenidat-Gruppe fast doppelt so h\u00e4ufig (OR 1,9; p=0,07): Der Unterschied der mittleren \u00c4nderung des ADCS-CGIC im Studienzeitraum betrug 1,43 (p=0,048). Bei den kognitiven Tests und der Lebensqualit\u00e4t gab es in beiden Gruppen keine Ver\u00e4nderung. Von 17 schweren unerw\u00fcnschten Ereignissen stand keines im Zusammenhang mit dem Studienmedikament; das Sicherheitsprofil war in beiden Gruppen gut. Mehr Teilnehmer in der Wirkstoffgruppe (10 gegen\u00fcber 6) berichteten \u00fcber einen Gewichtsverlust von mehr als 7 % w\u00e4hrend der Studie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa es noch keine in Europa zugelassene kausale Alzheimer-Therapie gibt, muss die Behandlung auch an allen Risikofaktoren und begleitenden Symptomen ansetzen. Nach diesen Studiendaten stellt Methylphenidat eine wirksame und sichere Option f\u00fcr die Behandlung der Apathie dar\u201c, betont Prof. Dr. Richard Dodel, Essen. \u201eSoziale Isolation und Bewegungsmangel bedingen und verst\u00e4rken sich gegenseitig und sind Treiber einer Demenz. Symptome wie Depressionen und Apathie verhindern die Mitarbeit \u2013 gerade in fr\u00fchen Erkrankungsstadien ist es aber wichtig, dass die Betroffenen sich bewegen oder Sport treiben, mobil und unternehmungslustig bleiben und soziale Kontakte haben, denn dies kann das Fortschreiten der Demenz beeinflussen.\u201c<\/p>\n\n\n\n[1] Mintzer J, Lanct\u00f4t KL, Scherer RW et al. Effect of Methylphenidate on Apathy in Patients With Alzheimer Disease: The ADMET 2 Randomized Clinical Trial. JAMA Neurol 2021 Nov 1;78(11):1324-1332. doi: 10.1001\/jamaneurol.2021.3356.<br>[2] Website:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nationale-demenzstrategie.de\/\">https:\/\/www.nationale-demenzstrategie.de\/<\/a><br>Brosch\u00fcre:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nationale-demenzstrategie.de\/fileadmin\/nds\/pdf\/2020-07-01_Nationale_Demenzsstrategie.pdf\">https:\/\/www.nationale-demenzstrategie.de\/fileadmin\/nds\/pdf\/2020-07-01_Nationale_&#8230;<\/a><br>[3] Hacke, Werner (Hrsg.) Neurologie. Springer-Verlag 2016, S. 649 ff.<br>[4] Livingston G, Sommerlad A, Orgeta V et al. Dementia prevention, intervention, and care. Lancet 2017; 390 (10113): 2673-2734<br>[5] Norton S, Matthews FE, Barnes DE et al. Potential for primary prevention of Alzheimer&#8217;s disease: an analysis&nbsp;<br>of population-based data. Lancet Neurol. 2014; 13 (8): 788-94<br>[6] Luck T, Riedel-Heller SG. Prevention of Alzheimer&#8217;s dementia in Germany: A projection of the possible&nbsp;<br>potential of reducing selected risk factors. Nervenarzt 2016 Nov; 87 (11): 1194-1200<br>[7] Maier F, Spottke A, Bach JP et al. Bupropion for the Treatment of Apathy in Alzheimer Disease: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2020 May 1;3(5):e206027. doi: 10.1001\/jamanetworkopen.2020.6027.<\/p>\n\n\n\n<h5 id=\"originalpublikation\">Originalpublikation:<\/h5>\n\n\n\n<p>doi: 10.1001\/jamaneurol.2021.3356<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis heute gibt es keine in Europa zugelassene, urs\u00e4chliche Therapie f\u00fcr die Alzheimer-Demenz. Umso bedeutsamer ist die Behandlung begleitender Symptome. 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